Politik. Was gibt es Schöneres im grauen Januar, als sich in Schale zu werfen, den Bauch einzuziehen und dorthin zu eilen, wo die Welt noch in Ordnung ist? Die politische Neujahrsempfangs-Saison ist eröffnet. Es ist die Zeit, in der das Land draußen vor der Tür bleibt, während drinnen das politische Spitzenpersonal gemeinsam mit der Crème de la Crème der Lobbyverbände das Glas hebt. Man könnte fast meinen, die Inflation, die maroden Brücken und die schlechte Stimmung im Land seien lediglich ein Gerücht, sobald man den roten Teppich betritt.
Die hohe Kunst der rhetorischen Weichspülerei
Das Ritual folgt einer Choreografie, die so starr ist wie die Frisuren der Anwesenden. Zuerst kommt die Rede, ein Meisterwerk der verbalen Vernebelung. Da ist dann von „herausfordernden Zeiten“ die Rede, die man „gemeinsam erfolgreich gestaltet“ habe. Es ist die hohe Kunst, viel zu sagen, ohne jemanden zu beleidigen, der später am Buffet neben einem stehen könnte. Man beschwört den gesellschaftlichen Zusammenhalt – am liebsten mit Menschen, die alle dasselbe kostenlose Kaltgetränk in der Hand halten und sich seit zwanzig Jahren aus denselben Ausschüssen kennen.
Das Hochamt der kollektiven Ego-Massage
Sobald der offizielle Teil überstanden ist, beginnt die eigentliche olympische Disziplin: das gegenseitige Schulterklopfen. „Das hast du im Interview neulich aber gut pariert“, raunt man sich zu, während der Blick schon über die Schulter des Gegenübers gleitet, um zu prüfen, ob ein noch wichtigerer Entscheidungsträger den Raum betreten hat. In diesem Biotop der Glückseligkeit wird Politik zur Wellness-Veranstaltung. Kritik stört hier nur das feine Bouquet des Sekts und wird konsequent weggeatmet.
Man klopft sich so enthusiastisch auf die Schultern, dass man fast befürchten muss, die Statik des historischen Festsaals könne Schaden nehmen. Es ist eine kollektive Massage des Egos, bei der man sich versichert, dass man trotz aller Umfragewerte im Grunde doch alles richtig macht. Wer braucht schon die harte Realität bei Bürgergesprächen, wenn man im Scheinwerferlicht des Saals so herrlich alternativlos wirkt? Das Buffet fungiert dabei als Pufferzone, in der Probleme zwischen Lachsforelle und Rinderfilet einfach verspeist werden.
Die Instagram-Story der Macht
Am Ende des Abends ziehen sie alle wieder von dannen, beseelt von der eigenen Wichtigkeit und dem wohligen Gefühl, dazuzugehören. Dass der Bürger draußen die Zeche für die Häppchen zahlt, wird als notwendiges Opfer für die „politische Repräsentation“ verbucht. Der Neujahrsempfang ist das Instagram-Filter-Event der Demokratie: Man zeigt sich von seiner besten Seite, retuschiert die Sorgenfalten weg und postet ein Bild der Harmonie – während die Küche der Realität schon längst lichterloh brennt.
