Pfarrkirchen / Landkreis Rottal-Inn. Die gynäkologische Versorgung im Landkreis Rottal-Inn ist seit Jahren ein heikles Thema. Während der Bedarfsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) rein rechnerisch von einer ausreichenden Abdeckung mit einem Versorgungsgrad von über 110% spricht, sieht die Realität für Patientinnen anders aus.
Bereits seit mindestens zwei bis fünf Jahren berichten Betroffene von Aufnahmestopps in den Praxen der Region. Bei Anfragen über die Servicenummer 116 117 werden Frauen teils an Praxen verwiesen, die rund 90 Kilometer entfernt liegen – wie etwa in Wörth an der Donau. Eine Chronologie der Versprechungen, des Schweigens und der offenen Fragen.
Positionen im Wahlkampf und die Kehrtwende danach
Im Vorfeld der Kommunalwahl betonten die politischen Akteure bei einer Podiumsdiskussion in Pfarrkirchen am 3. Februar 2026 die Dringlichkeit der Lage.
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Michael Fahmüller (CSU): Betonend, dass die KVB für die Versorgung zuständig sei, forderte er ein hartnäckiges Auftreten – „da muss man halt lästig werden, da muss man hinfahren, da muss man auf Kongresse fahren, um immer wieder vorne reinzugehen, wenn sie einen hinten rausschmeißen, dann kommt man halt wieder her oder telefoniert und schreibt, weil das ein wichtiges Thema ist, weil die Gesundheitsversorgung für die Bürgerinnen und Bürger das A und O ist.“
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Larissa Hausberger (Grüne) sprach sich ebenfalls dafür aus „einfach im Gespräch bleiben, Druck machen, hartnäckig bleiben, immer wieder kommen, immer wieder fragen und möglichst viele Leute mit ins Boot nehmen und Vertreter für unsere Bürgerinnen und Bürger sein“.
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Martin Koppmann (Freie Wähler) äußerte, dass man auch an die Krankenkassen herantreten müsse, um eine Zweiklassengesellschaft zwischen gesetzlich und privat Versicherten zu verhindern. Er kündigte an, den Einsatz seines Amtsvorgängers genauso fortzuführen: „lästig sein, Briefe schreiben, vor Ort sein, immer wieder dorthin fahren, vorne rein, hinten raus, nächste Woche wieder vorne rein und hinten raus“. Zudem betonte er, dass ein gleichberechtigter und zeitnaher Zugang zur medizinischen Versorgung für alle gewährleistet sein müsse.
Nach der Wahl änderte sich die Haltung deutlich. Am 1. Juni 2026 erklärten der neu gewählte Landrat Koppmann und die Stellvertreterin des Landrates Larissa Hausberger per Pressemitteilung, dass im Wahlkampf Erwartungen geweckt worden seien, für die es nie eine Grundlage gegeben habe. Als Begründung für die erschwerte Aufarbeitung der KVB-Gespräche wird eine fehlende geordnete Amtsübergabe genannt.
Allerdings gab das Landratsamt in früheren Pressemitteilungen selbst bekannt, dass auch Pfarrkirchens Erster Bürgermeister Wolfgang Beißmann an den Gesprächen mit Fahmüller und der KVB-Spitze beteiligt war – er hätte also jederzeit Auskunft geben können.
Schleppende Informationspolitik des Landratsamtes
Nach einem Gespräch von Landrat Koppmann mit der KVB am 1. Juli 2026 vergingen Wochen bis zu einer öffentlichen Stellungnahme. Die schließlich am 23. Juli veröffentlichte Pressemitteilung widmete der gynäkologischen Notlage lediglich fünf Zeilen und verwies vage auf laufende Abstimmungsgespräche. Konkrete Fragen von Ostbayerische24 zu Fristen, Maßnahmen oder betroffenen Teilregionen wie Pfarrkirchen und dem Nordlandkreis wurden pauschal beantwortet.
Detailfragen der Presse vom 04.08.2026 wurden bis dato nicht beantwortet
Eine formelle presserechtliche Anfrage von Ostbayerische24 an die Pressestelle des Landratsamtes Rottal-Inn und das Landratsbüro vom 4. August 2026 blieb bis dato unbeantwortet.
Abgelehnte Handlungsoptionen und offene Fragen
Auf die Frage nach konkreten Lösungsmodellen erteilte das Landratsamt der Erweiterung der bestehenden MVZ Rottal-Inn GmbH um den Fachbereich Gynäkologie sowie einer Anstellung von Frauenärztinnen über die Rottal-Inn-Kliniken eine Absage. Warum dieser Schritt – im Gegensatz zu anderen Fachbereichen – nicht verfolgt wird, blieb unbegründet.
Schließlich verzeichnete die MVZ Rottal-Inn GmbH mit ihren Standorten in Eggenfelden, Pfarrkirchen und Bad Birnbach in den letzten Jahren ein deutliches Wachstum: Während die vertragsärztliche Versorgung im Gründungsjahr 2015 nur 1,5 Versorgungsaufträge umfasste, stieg dieser Umfang bis zum 3. Quartal 2026 auf 10,0 Sitzanteile an.
Dabei böte gerade eine solche Erweiterung einen entscheidenden Hebel zur Problemlösung: Die Gynäkologie weist unter allen Facharztgruppen einen der höchsten Ärztinnenanteile von über 68 Prozent auf, und der Fachbereich gilt mit einer Teilzeitquote von rund 70 Prozent als Spitzenreiter. In einem klassischen KVB-Facharzt-Sitz in freiberuflicher Einzelpraxis lässt sich dieser Trend zu flexibleren Lebens- und Arbeitsmodellen kaum noch abbilden.
Erschwerend kommt hinzu: Angesichts der jüngst beschlossenen Kürzungen im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) steigt das finanzielle und unternehmerische Risiko für eine Praxisübernahme massiv an. Ein Anstellungsmodell im etablierten MVZ oder an den Rottal-Inn-Kliniken könnte dieses Risiko abfedern und den Standort Rottal-Inn für Nachwuchskräfte überhaupt erst wieder attraktiv machen.
Es bleibt abzuwarten, ob das Landratsamt Rottal-Inn nach dieser Veröffentlichung die offenen Fragen endlich beantwortet oder ob letztlich der Weg vor das Verwaltungsgericht gesucht werden muss. Von übergeordneten Behörden wie der Regierung von Niederbayern oder dem Bayerischen Innenministerium ist in dieser Sache keine Schützenhilfe zu erwarten, da sich beide Stellen für nicht zuständig erklären.
